GEO Wissen Ausgabe 59 vom 10. Mai 2017

Text der Seiten 22-23 der GEO Wissen Ausgabe 59 vom 10. Mai 2017

Georg Koik
Mediator bei Streit zwischen Generationen, Frankfurt a. M.

Ich bin Mediator geworden, weil ich selbst in Streit war. Als meine Mutter an Alzheimer erkrankte, wurde schnell klar, dass sie nicht mehr allein leben konnte. Doch meine Schwester und ich wurden uns nicht einig, wo sie künftig am besten aufgehoben wäre: in einem sehr guten Pflegeheim in Hamburg – oder in ihrer gewohnten Umgebung bei mir in Frankfurt.

Ich spürte selbst welche Gräben sich in einer Familie auftun können, wenn die älteste Generation weniger selbständig wird. Schließlich machte ich eine Ausbildung mit Schwerpunkt Familienmediation und Elder Mediation. Im Mittelpunkt stehen dabei Probleme, bei denen die unterschiedlichen Sichtweisen von Generationen eine Rolle spielen.

Die Herausforderung dabei: Oft sind gerade die älteren Betroffenen nicht mehr in der Lage, an den Gesprächen sehr aufmerksam teilzunehmen. Können sie ihre Bedürfnisse vertreten? Gibt es Verständnisschwierigkeiten oder geht es im Gespräch mitunter zu schnell? Haben die Betroffenen Gedächtnislücken, etwa von einer Sitzung zur nächsten?

Ich versuche alle Seiten zu verstehen und die unterschiedlichen Kräfte auszubalancieren. Das ist besonders diffizil, wenn die Probleme an Tabuthemen rühren, an Krankheit, Gebrechlichkeit, Tod – oder an Verletzungen, die schon seit Jahrzehnten in der Familie schwelen.

Oft erlebe ich, dass Verwandte nicht gut miteinander umgehen, einander anschreien, sich beleidigen, manchmal sogar aufeinander losgehen. Da muss ich dann beherzt eingreifen, zuweilen sogar körperlich. Am wichtigsten aber ist, dass alle Beteiligten grundsätzlich mit einer Mediation einverstanden sind. Dann kann ich fast immer helfen.

Was schadet in einem Streit am meisten?

Sprachlosigkeit, Missverständnisse, Vorurteile und Resignation, also Gedanken wie: „Er wird sich niemals mit mir an einen Tisch setzen“.

Wie lautet ihre persönliche Leitlinie?

Es gibt ein klares Ziel: eine gute und tragfähige Lösung für verschiedene Interessen.

Welchen Rat geben Sie Streitenden?

Fragen sie den anderen, ob er sich ein ruhiges Gespräch vorstellen kann, und sagen Sie ihm, dass Sie ein großes Interesse daran haben.

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